28/09/2026

Feng Shui und Vastu: Was wir für heutiges Bauen daraus lernen können

Ein Hauseingang kann auf einem Grundriss an der vermeintlich richtigen Stelle liegen und im Alltag trotzdem nicht funktionieren. Vielleicht führt er von einer lauten Straße direkt in den Wohnbereich. Jeder Besucher steht sofort mitten im Raum und wer zum Schlafzimmer möchte, muss täglich quer durch das Wohnzimmer laufen.

Man kann nun darüber diskutieren, in welcher Himmelsrichtung die Haustür liegt. Man kann die passende Farbe für den Eingangsbereich suchen oder einen Gegenstand aufstellen, der dort angeblich etwas ausgleicht. Das eigentliche Problem bleibt trotzdem bestehen: Der Grundriss funktioniert an dieser Stelle nicht besonders gut.

Genau deshalb interessieren mich alte Baulehren wie Feng Shui und Vastu. Nicht, weil ich historische Regeln auf unsere heutigen Häuser übertragen möchte. Sondern weil beide Systeme Gebäude nicht erst dort betrachten, wo wir heute häufig mit der Gestaltung anfangen.

Sie beginnen viel früher.

Feng Shui beginnt nicht beim Möbelrücken

Feng Shui wird heute häufig auf die Einrichtung einzelner Räume reduziert. Wo soll das Bett stehen? Welche Farbe gehört ins Wohnzimmer? Welche Pflanze braucht der Eingangsbereich? Das sind Fragen, mit denen man sich beschäftigen kann. Aber sie kommen für mich erst später.

Bei einem Gebäude schaue ich zunächst auf das Ganze: Wie liegt das Haus auf dem Grundstück? Was befindet sich davor und dahinter? Wie nähert man sich dem Eingang? Ist er geschützt oder liegt er völlig offen? Welche Räume orientieren sich zur Straße und welche zum Garten? Wie verlaufen die Wege durch das Haus? Wo entstehen Rückzugsmöglichkeiten und wo läuft ständig jemand durch?

Feng Shui beschäftigt sich traditionell nicht nur mit der Gestaltung eines Zimmers, sondern auch mit der Lage und Orientierung von Gebäuden und ihrem Verhältnis zur Umgebung. In der Forschung wird es unter anderem als traditionelle Lehre zur Standortwahl sowie zur Gebäudeanordnung und Gestaltung beschrieben.

Nehmen wir wieder unser Haus an der lauten Straße. Ich würde dort nicht zuerst über die Wandfarbe im Flur sprechen. Ich würde wissen wollen, wie man vom Grundstück zum Haus gelangt, wie geschützt dieser Weg ist und was hinter der Haustür passiert. Öffnet sich der Eingang direkt zum Wohnzimmer? Gibt es eine ruhige Führung ins Haus? Muss jeder Besucher zunächst durch private Bereiche laufen? Liegen Schlafräume dort, wo besonders viel Bewegung stattfindet?

Außen und innen lassen sich dabei nicht sauber voneinander trennen. Wenn ich die Wegeführung auf dem Grundstück verändere, kann sich auch die Wahrnehmung des Eingangs verändern. Wenn ich innen eine Wand versetze, kann ein Raum plötzlich besser geschützt sein oder eine völlig andere Nutzung ermöglichen.

Erst danach kommen Farbe, Material und Einrichtung.

Was Vastu mit Bauen zu tun hat

Vastu wird manchmal als „indisches Feng Shui“ bezeichnet. Das halte ich für irreführend. Vastu ist eine eigenständige indische Bautradition mit eigenen Grundlagen, Begriffen und kulturellen Zusammenhängen.

Dass es sich dabei tatsächlich um eine Baulehre handelt und nicht um eine moderne Erfindung für Wohnberatungen, lässt sich historisch gut belegen. Die Brihat Samhita des indischen Gelehrten Varahamihira aus dem 6. Jahrhundert enthält ein eigenes Kapitel über den Hausbau. Darin werden unter anderem Grundstück, Maße und bauliche Planung behandelt.

Eine Rolle spielt in verschiedenen Vastu-Traditionen auch das Vastu Purusha Mandala. Dabei wird eine Fläche durch ein Raster gegliedert und in Beziehung zu Ausrichtung, Mitte, Proportionen und räumlicher Ordnung gesetzt. Solche Raster wurden in unterschiedlichen Ausführungen für die Planung verwendet.

Das ist für mich interessant, weil auch hier deutlich wird: Es geht nicht nur darum, ob das Bett zehn Zentimeter weiter links oder rechts steht. Es geht um Bauplatz, Gebäude, Maß, Ausrichtung und räumliche Ordnung.

Welche konkrete Vastu-Lösung für unser Beispielhaus richtig wäre, werde ich allerdings nicht behaupten. Ich arbeite mit Feng Shui und nicht mit Vastu. Mir geht es deshalb nicht darum, beide Systeme miteinander zu vermischen.

Ähnliche Fragen bedeuten nicht dieselben Antworten

Feng Shui und Vastu sind in unterschiedlichen Kulturen entstanden und arbeiten mit unterschiedlichen Erklärungsmodellen. Dass beide die Himmelsrichtungen berücksichtigen oder Gebäude und Grundstück miteinander in Beziehung setzen, macht sie nicht zu demselben System.

Auch die fünf Elemente des Feng Shui lassen sich nicht einfach mit indischen Elementvorstellungen gleichsetzen. Und genau da wird es für mich spannend. Denn wir müssen gar nicht versuchen, aus beiden Lehren ein neues Mischsystem zu bauen. Wir können zunächst etwas viel Grundsätzlicheres daraus mitnehmen: Ein Gebäude besteht nicht aus einer Sammlung voneinander unabhängiger Räume.

Der Eingang beeinflusst, wie wir ein Haus betreten. Der Flur bestimmt, wie wir uns darin bewegen. Fenster schaffen Licht und Ausblick, können aber gleichzeitig Schutz nehmen. Ein Grundriss kann Begegnung ermöglichen oder ständig Konflikte produzieren. Materialien verändern Akustik und Raumwirkung. Proportionen beeinflussen mit, wie wir einen Raum wahrnehmen und ob wir uns darin wohlfühlen. Das alles hängt zusammen.

Was wir für heutiges Bauen daraus lernen können

Natürlich bauen wir heute anders als vor Jahrhunderten. Wir verfügen über andere Konstruktionen, andere Baustoffe, Haustechnik, große Glasflächen, Klimaanlagen und völlig andere Wohnformen.

Auch der Ort spielt eine enorme Rolle. Ein Haus an der Costa Blanca muss anders mit Sonne, Hitze und Verschattung umgehen als ein Gebäude in Hamburg. Ein Haus mitten in einer Stadt stellt andere Anforderungen an Schutz und Privatsphäre als eines auf einem großen Grundstück am Waldrand.

Deshalb halte ich nichts davon, historische Bauformen einfach zu kopieren. Was wir aber übernehmen können, ist der Blick auf Zusammenhänge. Bevor wir überlegen, welche Küche gerade modern ist oder welcher Bodenbelag gut aussieht, könnten wir uns zunächst ganz andere Fragen stellen:

  • Wie steht das Gebäude auf seinem Grundstück?
  • Woher kommen Sonne, Wind, Lärm und unerwünschte Einblicke?
  • Wie führt der Weg zum Haus und durch das Gebäude?
  • Welche Räume brauchen Schutz und welche dürfen sich öffnen?
  • Stimmen die Proportionen?
  • Passen Licht, Farbe, Material und Akustik zur Nutzung?
  • Unterstützt der Grundriss den Alltag der Menschen, die darin leben?
  • Und was passiert, wenn wir an einer Stelle etwas verändern?

Gerade die letzte Frage wird bei Planungen gern vergessen. Eine zusätzliche Wand löst vielleicht ein Problem und erzeugt gleichzeitig an anderer Stelle einen engen Durchgang. Eine große Glasfront bringt viel Licht, kann aber Überhitzung und fehlenden Sichtschutz verursachen. Eine offene Küche schafft Großzügigkeit, verändert jedoch auch Akustik, Gerüche und Rückzugsmöglichkeiten.

Ein begrüntes Dach macht deshalb noch keine gute Architektur. Eine spektakuläre Fassade ebenso wenig. Das Gebäude muss als Ganzes funktionieren.

Proportionen sind mehr als eine schöne Fassade

An dieser Stelle berührt das Thema auch das harmonikale Bauen, mit dem ich mich seit Langem beschäftige.

Menschen haben sich seit Jahrhunderten mit Proportionen, Maßverhältnissen und der Frage auseinandergesetzt, warum bestimmte Gebäude als besonders ausgewogen wahrgenommen werden. Dabei geht es nicht darum, jedem Haus eine mathematische Formel überzustülpen. Entscheidend ist für mich vielmehr das Bewusstsein dafür, dass Breite, Höhe, Öffnungen, Raumfolgen und Größenverhältnisse miteinander kommunizieren.

Wir merken oft sehr schnell, wenn diese Beziehungen nicht stimmen. Ein Fenster wirkt zu klein für eine große Fassade. Eine Eingangstür verschwindet förmlich in einer überdimensionierten Wandfläche. Ein niedriger Raum wird durch dunkle Materialien zusätzlich gedrückt. Ein riesiger Wohnbereich bietet zwar viele Quadratmeter, aber keinen geschützten Platz, an dem man wirklich gerne sitzt.

Das sind keine Fragen der Dekoration. Sie entstehen bereits beim Planen und Bauen.

Und wo bleibt der Mensch?

Bei aller Beschäftigung mit Baukörper, Grundriss und Proportion darf ein Punkt nicht verloren gehen: Am Ende leben Menschen in diesen Gebäuden.

Ein architektonisch beeindruckendes Haus kann im Alltag trotzdem anstrengend sein. Ein Schlafzimmer kann auf dem Plan wunderbar aussehen und dennoch so liegen, dass morgens um sechs jedes Geräusch aus Küche und Bad zu hören ist. Ein Homeoffice kann groß genug sein und trotzdem keinen vernünftigen Arbeitsplatz ermöglichen, weil hinter dem Schreibtisch ständig jemand vorbeiläuft.

Hier treffen für mich Feng Shui, mein handwerkliches Wissen und Erkenntnisse aus Raum- und Architekturpsychologie aufeinander.

Ich möchte wissen, wie ein Gebäude gebaut ist, aber genauso, was dieses Gebäude mit den Menschen macht, die darin leben oder arbeiten. Deshalb reicht mir weder eine reine Feng-Shui-Regel noch eine rein gestalterische Betrachtung.

Wer Gebäude plant, umbaut, gestaltet oder Menschen dazu berät, greift mit seiner Arbeit tief in deren Alltag ein. Das gilt für Architekten und Innenarchitekten genauso wie für Handwerker oder Feng-Shui-Berater. Eine Wand steht nicht nur auf einem Plan. Sie entscheidet vielleicht darüber, ob jemand morgens durch das Wohnzimmer laufen muss, um ins Bad zu kommen. Ein Arbeitsplatz kann Konzentration ermöglichen oder jeden Tag stören. Ein fehlender Rückzugsraum kann für eine Familie jahrelang zum Problem werden.

Genau deshalb braucht diese Arbeit Fachwissen und vor allem die Bereitschaft, zuerst den Menschen zu verstehen. Eine Architektin erzählte mir kürzlich, dass Bauherren häufig mit einer fertigen Hausvorlage zu ihr kommen und irritiert reagieren, wenn sie zunächst ein ausführliches Gespräch über ihre Bedürfnisse führen möchte. Sie wollen dieses Haus. Aber die viel wichtigere Frage lautet zunächst: Passt dieses Haus überhaupt zu ihrem Leben?

Wie lebt die Familie heute? Wie möchte sie in zehn oder zwanzig Jahren leben? Wer braucht Ruhe, wer arbeitet zu Hause, wo treffen sich alle, wo möchte sich jemand zurückziehen? Was wird täglich benutzt und was sieht auf einem Grundriss nur schön aus? Solche Fragen sind keine unnötige Vorstufe der Planung. Sie sind ein Teil guter Planung.

Für mich gehört deshalb auch dazu, Kunden zu erklären, warum ich bestimmte Fragen stelle oder von einer gewünschten Lösung abrate. Gute Beratung bedeutet nicht, jeden Wunsch einfach umzusetzen. Sie bedeutet, fachlich zu prüfen, welche Folgen eine Entscheidung für Gebäude, Nutzung und Menschen haben kann.

Alte Systeme sind keine Gebrauchsanleitung für das 21. Jahrhundert

Bei aller Wertschätzung alter Baulehren sollten wir sie nicht romantisieren.

Historische Texte entstanden in ihrer jeweiligen Gesellschaft und enthalten neben baulichem Wissen auch religiöse, soziale und kulturelle Vorstellungen ihrer Zeit. In der Brihat Samhita finden sich beispielsweise neben Angaben zum Hausbau auch Vorschriften, die an damalige gesellschaftliche Gruppen und religiöse Rituale gebunden sind.

Nur weil etwas alt ist, ist es deshalb nicht automatisch richtig für unser heutiges Leben. Für mich besteht die Kunst darin, die Grundlagen zu verstehen und gleichzeitig zu prüfen, was für heutige Gebäude, heutige Technik und heutige Menschen sinnvoll ist.

Eine ähnliche Verkürzung alter Systeme kenne ich übrigens aus dem Ayurveda. Auch dort wird aus einer umfassenden Lehre schnell eine einzelne Anwendung oder Wellnessbehandlung. Darüber habe ich bereits in meinem Artikel „Ayurveda & Feng Shui: Ganzheitliche Harmonie von Körper und Raum“ geschrieben.

Was das mit meiner apprico® Methode zu tun hat

Genau an diesem Punkt setzt meine Arbeit an.

Ich komme aus dem Handwerk und beschäftige mich seit Jahrzehnten mit Gebäuden. Deshalb wird Feng Shui bei mir nicht am Ende über einen bereits fertigen Grundriss gelegt. Ich möchte möglichst früh verstehen, wie ein Gebäude funktioniert, wo Schwierigkeiten entstehen und welche Veränderung praktisch umsetzbar ist.

Dabei spielen Qi, Yin und Yang und die Fünf Elemente ebenso eine Rolle wie Form, Farbe und Material. Aber eben nicht isoliert. Ich verbinde sie mit Grundriss, Baukörper, Nutzung, Proportionen und konkreten Entscheidungen beim Bauen und Renovieren.

Wie das in der Praxis aussieht, zeige und erkläre ich auch in meinen YouTube-Videos Dort vermittle ich Grundlagen, erkläre beispielsweise, wo und wie Farbtöne in Räumen funktionieren, und zeige anhand konkreter Situationen, wie sich Feng Shui beim Bauen, Renovieren und Gestalten anwenden lässt.

Wenn Du Feng Shui von Grund auf verstehen möchtest, findest Du in meinem apprico® BASICS Kurs den Einstieg dazu. Dort geht es nicht um eine Sammlung schneller Tipps für einzelne Ecken. Du lernst die Grundlagen kennen und vor allem, ihre Beziehungen zueinander zu verstehen und sie auf Räume, Grundrisse und Gebäude zu übertragen.

Denn gutes Feng Shui beginnt für mich nicht beim Dekorieren. Es beginnt viel früher.

Hinweis zu den Bildern: Alle Fotos in diesem Beitrag wurden mit KI generiert.


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Bauen mit Feng Shui, Feng Shui, Feng Shui und Vastu, Grundriss, Vastu



Heike Schauz ist Malermeisterin und Feng-Shui-Expertin. In den vergangenen 20 Jahren hat sie über 2800 Projekte in Neubau, Sanierung und Gewerbe begleitet und Feng Shui nach ihrer apprico Methode eingesetzt: ohne Esoterik, dafür mit klaren Entscheidungen zu Farbe, Form und Material. Im Blog erklärt sie Feng Shui und Business-Feng-Shui und zeigt, wie Du es praktisch anwendest.